Was passiert eigentlich mit uns, wenn wir improvisieren? Wenn wir die Kontrolle abgeben, uns auf andere verlassen und plötzlich Dinge tun, die wir uns vorher vielleicht gar nicht zugetraut hätten?
Wer schon einmal bei einem ImproHotel dabei war, kennt solche Momente. Eine Szene entwickelt sich völlig anders als gedacht. Du stehst auf der Bühne, hast keine Ahnung, wie es weitergeht, und plötzlich entsteht etwas Wunderbares. Du lachst, dein Gegenüber greift deine Idee auf und gemeinsam entwickelt ihr eine Geschichte, die niemand hätte planen können.
Was sich im ersten Moment einfach nach einem guten Impro-Erlebnis anfühlt, kann viel mehr in Bewegung setzen. Genau damit beschäftigt sich Dr. Reinhild Schwarte in ihrem Kapitel „Improvisationstheater aus verhaltenstherapeutischer Sicht: Hacks für die Persönlichkeitsentwicklung“ aus unserem Buch „Der Impro-Code“.
Als Psychotherapeutin, Improspielerin und Trainerin beschäftigt sie sich seit rund 20 Jahren mit der Frage, welche psychologischen Prozesse beim Improvisieren stattfinden und wie wir diese Erfahrungen für unsere persönliche Entwicklung nutzen können. Seit 2026 ist sie auch als Trainerin bei uns im ImproHotel dabei.
Vielleicht hast du diesen Satz schon einmal gehört: „Ich habe durch Impro mehr über mich gelernt als in vielen anderen Situationen meines Lebens.“
Was steckt dahinter? Improvisation fordert uns heraus, auf das zu reagieren, was gerade passiert. Wir müssen zuhören, Entscheidungen treffen, eigene Ideen loslassen und uns auf Menschen einlassen, deren nächsten Schritt wir nicht kennen.
Dabei begegnen wir manchmal ganz automatisch unseren eigenen Mustern. Vielleicht möchtest du eine Szene unbedingt kontrollieren. Vielleicht fällt es dir schwer, eine Idee anzunehmen, die nicht von dir stammt. Oder du merkst, dass du dich zurückhältst, weil du Angst hast, etwas Falsches zu sagen.
Dr. Reinhild Schwarte beschreibt Improübungen aus psychologischer Perspektive als kleine Experimente, in denen wir solche Reaktionen erleben und neue Handlungsmöglichkeiten ausprobieren können. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Improvisation als Ersatz für Psychotherapie zu betrachten. Vielmehr bietet das gemeinsame Spiel einen Rahmen, in dem wir uns selbst besser kennenlernen und Erfahrungen machen können, die auch außerhalb der Bühne wertvoll sein können.
Eine der zentralen Ideen in Reinhilds Kapitel ist der sogenannte kontrollierte Kontrollverlust. Das klingt zunächst widersprüchlich. Aber genau das erleben wir beim Improvisieren immer wieder.
Wir wissen nicht, was als Nächstes passiert. Vielleicht verändert unser Gegenüber plötzlich die Richtung der Szene. Vielleicht kommt ein unerwarteter Impuls aus dem Publikum. Oder wir stehen auf der Bühne und uns fällt einfach nichts ein. Und dann passiert etwas Interessantes: Wir machen trotzdem weiter. Vielleicht entsteht aus unserem vermeintlichen Fehler sogar die beste Idee des Abends.
Aus verhaltenstherapeutischer Perspektive können solche Momente neue Erfahrungen ermöglichen. Wir erwarten beispielsweise, dass wir uns blamieren, wenn uns nichts einfällt. Stattdessen erleben wir, dass unsere Mitspielenden uns unterstützen und gemeinsam eine Lösung entsteht.
Wir erleben: Ich muss nicht alles kontrollieren, um handlungsfähig zu bleiben.
Reinhild beschreibt diesen Prozess als eine Form der Kontrollverlust-Exposition. In einem geeigneten Rahmen können wir uns spielerisch mit Unsicherheit auseinandersetzen und erleben, dass nicht jede unvorhersehbare Situation automatisch etwas Bedrohliches bedeutet.
In ihrem Kapitel unterscheidet Reinhild drei zentrale Bereiche, in denen Improvisation neue Erfahrungen ermöglichen kann: existenzielle Sicherheit, soziale Bindung und persönlicher Selbstwert.
Diese drei Bereiche begegnen uns auch im ImproHotel immer wieder. Manchmal ganz bewusst in einem Workshop, manchmal mitten in einer Szene, die eigentlich nur lustig werden sollte.
1. Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit
Stell dir vor, du spielst eine Szene und plötzlich verändert sich alles. Dein Gegenüber macht ein unerwartetes Angebot und dein ursprünglicher Plan funktioniert nicht mehr. Was machst du? Du könntest versuchen, die Szene wieder in deine gewünschte Richtung zu lenken. Oder du lässt dich auf das neue Angebot ein und schaust, was daraus entsteht.
Genau solche Situationen können uns dabei helfen, flexibler mit Unvorhergesehenem umzugehen. Wir erleben, dass wir Entscheidungen treffen und eine Situation mitgestalten können, auch wenn wir nicht wissen, wie sie ausgehen wird.
Reinhild nennt dafür unter anderem Improübungen wie „Neue Wahl“, „Kleines Stimmchen“ und „Switch Change“. Sie konfrontieren uns spielerisch mit überraschenden Wendungen und laden dazu ein, neue Möglichkeiten auszuprobieren.
Was wir auf der Bühne erleben, kann uns auch im Alltag daran erinnern, dass wir nicht für jede Situation einen fertigen Plan brauchen.
2. Vertrauen in andere Menschen
Improvisation funktioniert nicht allein. Selbst wenn du mit einer großartigen Idee auf die Bühne gehst, entsteht die eigentliche Geschichte erst im Zusammenspiel mit anderen. Du musst zuhören, Angebote annehmen, eigene Impulse einbringen und manchmal auch die Führung abgeben.
Dabei werden Beziehungsmuster sichtbar. Wie leicht fällt es dir, dich auf andere zu verlassen? Kannst du eine fremde Idee annehmen, ohne sie sofort verändern zu wollen? Wie gehst du damit um, wenn dein Gegenüber eine andere Vorstellung hat als du?
Im ImproHotel erleben wir immer wieder, wie Menschen zusammenkommen, die sich vorher noch nie begegnet sind. Sie spielen miteinander, entwickeln Geschichten und lernen, aufeinander zu achten.
Reinhild beschreibt Übungen wie Ein-Wort-Spiele, Synchro-Spiele oder „Ich-Du-Wir“ als Möglichkeiten, um Kommunikation, Vertrauen und den Umgang mit Nähe und Abgrenzung zu erkunden. Denn Impro bedeutet auch, anderen Raum zu geben und darauf zu vertrauen, dass gemeinsam etwas entstehen kann.
3. Den eigenen Selbstwert stärken und Fehler zulassen
Vielleicht kennst du diesen Moment: Du stehst auf der Bühne und merkst plötzlich, dass du einen Fehler gemacht hast. Du hast ein Wort vergessen, eine Spielregel nicht eingehalten oder eine völlig unerwartete Antwort gegeben. Im ersten Moment möchtest du vielleicht am liebsten im Boden versinken.
Doch dann lachen deine Mitspielenden, greifen deinen Fehler auf und plötzlich wird daraus eine wunderbare Szene.
Genau hier liegt für Reinhild ein weiterer wichtiger Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung durch Improvisation. Wir dürfen erleben, dass Fehler nicht automatisch bedeuten, dass wir versagt haben. Wir können uns zeigen, Neues ausprobieren und auch dann Teil der Gruppe bleiben, wenn nicht alles perfekt funktioniert.
Klassische Improspiele wie „Whiskeymixer“, „Szene ohne N“ oder das ABC-Spiel schaffen dafür spielerische Gelegenheiten. Es geht nicht darum, keine Fehler mehr zu machen. Es geht darum, sich auch mit Fehlern zeigen zu können.
Solche Erfahrungen können dazu beitragen, einen freundlicheren Umgang mit den eigenen Unvollkommenheiten zu entwickeln und sich mehr zuzutrauen.
Natürlich verändert nicht jede Improübung automatisch unser Leben. Entscheidend ist auch, wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen.
Reinhild beschreibt in ihrem Kapitel zwölf Schritte, mit denen sich Improvisation bewusster für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nutzen lässt. Dazu gehören unter anderem das Erkennen eigener Erwartungen, das Ausprobieren unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade, der Wechsel zwischen Spielpartner:innen und Formaten sowie die bewusste Reflexion des Erlebten.
Gerade die Reflexion kann spannend sein. Vielleicht merkst du nach einer Übung, dass du dich viel mehr getraut hast, als du erwartet hättest. Oder du erkennst, dass du in bestimmten Situationen immer wieder versuchst, die Kontrolle zu übernehmen.
Wenn wir solche Momente wahrnehmen, können wir neue Handlungsmöglichkeiten entdecken. Dabei muss nicht jede Improstunde zu einer tiefgehenden Selbstanalyse werden. Manchmal reicht es schon, sich nach einer Szene zu fragen: Was hat mich gerade überrascht? Was habe ich über mich gelernt? Und was möchte ich beim nächsten Mal ausprobieren?
Für uns gehört genau diese Neugier auf die eigenen Möglichkeiten zum ImproHotel.
Seit mehr als 20 Jahren bringen wir im ImproHotel Menschen zusammen, die Lust auf Improvisation, neue Erfahrungen und gemeinsames Lernen haben.
Manche kommen zu uns, weil sie ihre Bühnenpräsenz verbessern möchten. Andere wollen neue Improformate kennenlernen, ihre Kreativität entdecken oder einfach eine gute Zeit mit Menschen verbringen, die ihre Begeisterung für Impro teilen.
Und manchmal nehmen wir aus einem Workshop etwas mit, womit wir vorher überhaupt nicht gerechnet hätten. Vielleicht ist es das Vertrauen, auch ohne fertige Idee auf die Bühne gehen zu können. Vielleicht eine neue Freundschaft. Oder die Erkenntnis, dass wir uns selbst viel weniger unter Druck setzen müssen, als wir bisher gedacht haben.
Genau das macht Impro für uns so besonders. Es schafft Raum, um spielerisch Neues zu entdecken, sich selbst und anderen zu begegnen und immer wieder über die eigenen Möglichkeiten zu staunen.
Denn manchmal entsteht persönliche Entwicklung genau dann, wenn wir aufhören, alles richtig machen zu wollen, und anfangen, uns auf den Moment einzulassen.
In ihrem Kapitel „Improvisationstheater aus verhaltenstherapeutischer Sicht: Hacks für die Persönlichkeitsentwicklung“ erklärt Dr. Reinhild Schwarte ausführlich, welche psychologischen Prozesse beim Improvisieren eine Rolle spielen und wie sich klassische Improübungen gezielt für die persönliche Entwicklung nutzen lassen.
Sie verbindet ihre langjährige Erfahrung als Psychotherapeutin mit ihrer Begeisterung für Improvisation und eröffnet damit einen spannenden Blick auf das, was beim gemeinsamen Spielen in uns passiert.
Ihr Kapitel ist Teil unseres Buches „Der Impro-Code – 20 Hacks von Profis für Bühne, Business & Alltag“, in dem 23 Autor:innen aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen, wie vielseitig Improvisation sein kann.
Und wenn du selbst erleben möchtest, wie viel Impro in Bewegung setzen kann, freuen wir uns darauf, dich bei einer unserer nächsten ImproHotel-Reisen willkommen zu heißen.
Entdecke unsere kommenden ImproHotel-Termine auf improhotel.de und sei dabei!
Bis dahin – bleibt flexibel!
und das Team der Impulspiloten
ImproHotel ist eines der führenden Formate in Europa für Improvisation Workshops, Applied Improv und Lernreisen. Seit 2003 haben tausende Teilnehmende aus Unternehmen, HR und Weiterbildung – ebenso wie Impro-Interessierte – an den Programmen teilgenommen.
Gegründet von Ralf Schmitt verbindet ImproHotel Methoden der Improvisation mit konkreten Business-Kompetenzen wie Flexibilität, Fehlerkultur, Zusammenarbeit und souveränem Handeln in unsicheren Situationen. Gleichzeitig bietet es einen spielerischen Zugang für alle, die Improvisation erleben, vertiefen und auf der Bühne ausprobieren möchten.
Die Formate sind als All-Inclusive Lernreisen konzipiert: Neben intensiven Workshops entstehen durch gemeinsame Erlebnisse, besondere Orte und kuratierte Zusatzprogramme Räume für Verbindung, Kreativität und nachhaltige Entwicklung.
Im Mittelpunkt steht nicht Improvisation als Kunstform allein, sondern als Schlüsselkompetenz für moderne Führung, Teamarbeit und persönliches Wachstum.
Begleitet werden die Lernreisen von erfahrenen Trainer:innen sowie den Hosts Ralf Schmitt und Vaya Wieser-Weber, die für klare Haltung, hohe Qualität und direkte Umsetzbarkeit stehen.
Mehr über ImproHotel und weiterführende Links:
👉 www.improhotel.de
👉 www.schmittralf.de
👉 www.vaya.live
👉 www.impulspiloten.de
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